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Liebe Gemeinde,
wir freuen uns über den Himmel, wenn er strahlend blau
ist. Wir blicken in einer klaren Nacht neugierig empor zu den Sternen. Und wir
sind dankbar für den Regen, der nach langer Trockenheit endlich kommt und
Felder, Wiesen und Gärten befeuchtet. „Alles Gute“, so sagen wir, „kommt von
oben.“ Der Himmel ist wichtig für uns Menschen, wir kommen ohne ihn nicht aus.
Vom Himmel scheint die Sonne auf uns herab, und vom Himmel empfangen wir den
Regen, ohne den es kein Blühen und Gedeihen gibt. Wir Menschen, wir leben wohl
auf der Erde und von der Erde und fühlen uns der Erde zugehörig. Aber dennoch
merken wir, dass ohne den Himmel gar nichts geht, dass wir angewiesen sind auf
einen freundlichen Himmel, der unser Leben hier auf der Erde begünstigt und
fördert und überhaupt erst möglich macht.
Was Wunder also, dass wir immer wieder den Himmel ins
Spiel bringen, wenn wir von starken Gefühlen bewegt werden und diese zum
Ausdruck bringen wollen. „Dem Himmel sei Dank“, so sagen wir beispielsweise in
Momenten großer Erleichterung, gerade dann, wenn uns ein Stein vom Herzen
fällt. Oder wenn etwas ganz ausgesprochen toll ist, dann sagen wir auch wohl
„himmlisch“ dazu, so etwa im Zusammenhang mit himmlischen Urlaubswochen oder
bei einer ganz tollen Speise, die eben „himmlisch“ schmeckt. In ganz doll
romantischen Momenten, da fühlen wir uns „wie im siebten Himmel“, und wenn wir
etwas ganz und gar nicht und auf keinen Fall wollen, dann sagen wir: „Um
Himmels willen“ – bloß das nicht.
Das Blaue über uns, der Himmel ist also gefühlsmäßig
stark besetzt in unserem Sprachgebrauch. Dabei hat es mitunter auch den
Anschein, als würden wir dem Himmel eine Botschaft übermitteln wollen. Wenn wir
sagen: „Dem Himmel sei Dank“, so können wir diese Redewendung auch in eine
direkte Anrede fassen mit den Worten: „Danke, lieber Himmel, danke für deine
Hilfe.“ Und wenn uns der Ausruf entfährt: „Um Himmels willen“, dann können wir
auch das in eine direkte Anrede übersetzen mit etwa den Worten: „Lieber Himmel,
tu etwas. Setze bitte all deine Kräfte ein, damit dieses Schlimme, das ich
jetzt befürchten muss, nicht eintritt und nicht geschieht. Und wenn es doch
eintritt, so sorge bitte dafür, dass die Folgen davon nicht so schlimm sind,
wie ich das im Moment befürchte.“ All dieses, all diese Wünsche und Befürchtungen
und starken Gefühle stecken nach meinem Eindruck in diesem kurzen Ausruf: „Um
Himmels willen“.
Der Himmel ist demnach also der Inbegriff des Guten in
unserem Sprachgebrauch. Wie appellieren an ihn, an die schützende Macht, die
wir ihm zuschreiben. Ein Hort des Segens scheint der Himmel für viele von uns
zu sein, eine Quelle guter Kräfte und ein Bollwerk gegen alles, was unser Leben
bedroht und es zu zerstören versucht. Der Himmel ist unsere Hoffnung. Seine
Weite soll uns schützen, wenn es eng wird bei uns im Leben.
Wir feiern am Himmelfahrtstag, dass Christus zum Himmel
aufgefahren ist zu seinem Vater, zu Gott also, der den Himmel und die Erde
erschaffen hat. Nach überliefertem Glauben hat Gott seinen Sitz im Himmel, dort
hat er seinen Thron, und dort ist er für uns erreichbar, wenn wir beten: „Vater
unser im Himmel.“ Christus nun hat zur Rechten seines Vaters Platz genommen, nachdem
er, am Kreuz hängend, nach Gott gerufen hatte und dort, am Kreuz, gestorben
ist. Christus starb unter elenden und unwürdigen Bedingungen. Als er ihn vom
Tod auferweckte, bekannte Gott sich zu seinem Sohn und nahm ihn schließlich auf
in seine himmlische Herrlichkeit, an dem Tag, den wir heute feiern.
Wir müssen uns bitte dieses vergegenwärtigen und klar
machen, liebe Gemeinde, dass die Sprache unseres Glaubens einen durchweg
bildhaften Charakter hat, wenn immer es um den Himmel geht. „Vater unser im
Himmel“, sagen wir, weil Gott für uns nicht sichtbar und nicht greifbar ist, er
’’wohnt’’ an einem Ort und er hat sein Zuhause in einer Welt, die für uns nicht
fassbar ist. Und zugleich ist er mit dieser Welt in unserer Wirklichkeit
gegenwärtig, wie der Himmel über uns,
der für uns nicht fassbar und nicht greifbar ist, der aber dennoch unser Leben
hier auf der Erde maßgeblich beeinflusst. Dass Christus zum Himmel aufgefahren
ist, bedeutet für uns: Er ist unter uns gegenwärtig als der Gekreuzigte und
Auferstandene.
Der Himmel, an den wir so oft indirekt appellieren, dem
wir Danke sagen oder den wir um Abwehr bitten von Gefahr, der hat also einen
Namen: Jesus Christus. Und der Träger dieses Namens weiß, um was es geht. Das
Leid von uns Menschen ist ihm vertraut, weil er es selbst durchlebt und
durchlitten hat.
Unsere Hoffnungen, unsere Sorgen, unsere Freuden, unsere
Ängste sind ihm vertraut, weil er als Mensch unter Menschen gelebt hat mit den
Höhen und Tiefen, die unser Menschsein mit sich bringt. Unser stiller Kummer, unsere
Ratlosigkeit, unsere Verzweiflung und die Angst davor schwach zu sein sind ihm
vertraut, weil er ebenso wie wir seinen Weg finden musste und er dabei mit
Konflikten zu kämpfen hatte, mit inneren Konflikten, die in ihm auftraten
angesichts der Frage, welcher Weg für ihn, für Christus, denn nun der gebotene,
der angesagte, der richtige sei.
Der Himmel, der Hort alles Guten und die Quelle jeglichen
Segens, ist unter uns, bei uns hier auf der Erde, in Gestalt des Gottes, der im
Schönen und im Schweren unser Gott ist, der mit uns fühlt und leidet und sich
freut, weil sein liebendes Herz unser Herz erkennt und es mit Augen der Liebe
ansieht. Wir finden den Himmel bei uns auf der Erde, und noch mehr als das: Wir
finden ihn in unserem eigenen Herzen, wenn wir aufrichtig und ernsthaft nach
ihm suchen und wenn wir bereit sind dazu, dem Auferstandenen in unserem Herzen
zu begegnen.
Die Begegnung mit Christus in unserem Herzen ist immer
auch eine Begegnung mit dem eigenen Ich. Wir sehen an, was uns freut an unserem
Ich, und wir sehen an, was uns zu schaffen macht daran und worunter wir leiden.
Mit Augen der Liebe blickt Christus gemeinsam mit uns auf unser Herz, auf unser
Ich, auf unser Leben. Den Himmel in unserem Herzen dürfen wir finden, indem wir
von diesem Blick des Auferstandenen lernen und wir dahin gelangen, dass wir uns
selbst ansehen mit Augen der Liebe, indem wir lernen, uns selbst zu mögen, uns
selbst zu lieben, uns selbst anzunehmen. Die Weite des Himmels dürfen wir in
uns spüren, wenn wir lernen, uns selbst freundlich und aufgeschlossen zu
begegnen und wir uns selbst auf diese Weise ein guter Freund und eine gute
Freundin werden.
Möge darum der heutige Himmelfahrtstag den Anstoß geben
zu Ihrer ganz eigenen, persönlichen Himmelfahrt: in dem Sinne, dass Sie sich
aufmachen zu einer Reise in Ihr eigenes Ich, um zu erkunden, wie es dort wohl
aussieht und ob Sie wohl etwas von der Weite des Himmels in sich spüren mögen.
Prüfen Sie, nehmen Sie wahr, horchen Sie in sich hinein, was sich abspielt in
Ihrem Inneren, und laden Sie Christus ein dazu, Ihnen dabei behilflich zu sein.
Die Liebe zu Gott, die Liebe zum Nächsten und die Liebe zu sich selbst hat er
als das vornehmste und größte Gebot bezeichnet. Diese Liebe in uns zu entfalten
heißt, den Himmel in seinem eigenen Herzen zu entdecken! Amen.
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